Spiessige Jugend?

Die Jugend ist laut, sie ist rebellisch, fordernd und wild, schrieb ich letztes Jahr in einer Kolumne für die Migrationszeitung „Arkadas“. An dieser Tatsache hat sich nichts geändert. Doch trotz all den Erfahrungen, die man selbst mit Jugendlichen macht, den Berichten aus den Medien sowie von Freunden entnimmt, fragen sich immer mehr, ob das wirklich für die Mehrheit gilt. Ist die Jugend generell laut, rebellisch, fordernd und wild oder meinen wir das nur?

Multikulturell aufgewachsen („Moruk, wie geht’s“), technisch auf dem neusten Stand (Mobiltelefone mit Touchscreen sind selbstverständlich), gepierct und tätowiert; so kennt man die Jugend vom ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (hat diese Generation überhaupt einen Namen?). Doch heisst das auch, dass sie weniger spiessig sind? Die 68er Generation waren die klassischen Antispiesser. Danach kam die 78er Generation. „...Sie waren zu jung für die Revolte von 1968 und zu alt für die Gründung von Internet-Cafés - die so genannten 78er - die Generation der „Zaungäste“ -, kleine Brüder und Schwestern der berühmten 68er. Dafür hatten die 78er etwas, was keine Generation zuvor für sich in Anspruch nahm: Die ewige Jugendlichkeit. Forever young war ihr Motto. Ob in der Uni oder in der Wohngemeinschaft - es wurde endlos diskutiert, herumexperimentiert und vom glücklichen Leben geträumt.

Irgendwann wurden sie dennoch Chefredakteure, Staatsminister und Starjuristen...“ stellte Reinhard Mohr, ein deutscher Journalist 2003 in seinem Buch „Generaion Z“ fest. Die 80er gelten als das Jahrzehnt der Subkulturen. Punk, New-Wave oder die eigenständige Jugendkultur der DDR waren prägend. Auch in der Türkei war diese Generation überaus einflussreich, wenn man bedenkt, dass sich die Regierung von den politischen Jugendorganisationen derart bedroht fühlte und es zum Militärputsch kam. Die Folgen sind noch heute zu spüren. Zu jener Zeit wurde die Jugend unter anderem auch als Zielpublikum der Wirtschaft entdeckt. Und eine Generation später sang die Jugend im Grunge Outfit zu „Smells Like Teen Spirit“ oder in monströsen Buffalo Schuhen an Konzerten von Boygroups, die in ihren Musikclips fast ständig oben ohne im künstlichen Regen tanzten.

Der Wandel wurde immer schneller. Immer bessere PC’s und Natels und das immer wichtiger werdende Internet. Und so sind wir bei der heutigen Generation angekommen. Wir dachten, dass mit Big Brother das Limit erreicht worden ist und es nichts mehr Neues geben wird, dass uns wirklich beeindrucken könnte. Doch da hatten wir auch keine Ahnung von den Phänomenen Emos, Cyber-Mobbing oder Youtube.

Aber bedeutet das nun wirklich, dass die Jugend unanständiger, respektloser, brutaler oder dümmlicher geworden ist? Obwohl wir fast täglich mit Negativschlagzeilen über jugendliche Straftäter, Teenagermamis, das Komasaufen oder laut grölenden Jugendlichen in der ÖV konfrontiert werden, vergessen wir oftmals, dass es sich im Vergleich immer noch um eine Minderheit handelt. Doch weil wir eben so sind, wie wir sind, brennt sich das Negative schneller und stärker in unser Gedächtnis ein, als das Positive.

Der Schweizer Autor Martin Suter hat sich zu diesem Thema treffend geäussert: „Unter den Jungen wächst der Anteil der Spiesser täglich, auch wenn sie gepierct sind oder von Tattoos übersät. So fest sie sich tarnen – ich habe immer noch ein Auge für Spiesser. Das hat man 1968 gelernt: Den Spiesser zu erkennen. Ein Spiesser ist nicht a priori alt. Albert Hofmann zum Beispiel, der LSD-Erfinder, war alles andere als spiessig, er wurde 102, ich führte tolle Gespräche mit ihm, die ich mit vielen Jungen nicht hätte führen können.“ Dass ein Spiesser nicht a priori alt sein muss, beweist uns unter anderem auch Facebook, welche nicht nur Jugendlichen als Plattform dient. Immer mehr Junge machen Weiterbildungen oder ein Studium auf dem zweiten Bildungsweg. Galt dies vor 30 Jahren noch eher als spiessig, ist es heute selbstverständlich, dass man an eine Zweitausbildung denkt. Und obwohl viele der jetzigen Teenager in Patchworkfamilien aufgewachsen sind, glauben sie an Werte wie die Ehe und Familie. Und dies zeigt uns, dass ein Bourgeois nicht a priori jung ist.

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29.06.2017 - 18:30

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